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Geschichte der Landes-Nervenklinik


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Als 1788 die erste Psychiatrie im Linzer Prunerstift errichtet wurde, war dies neben einer lokalen Notwendigkeit auch der Ausdruck eines allgemeinen Umbruchs in der damaligen Epoche. Die Zeit des aufgeklärten Absolutismus führte in Europa zu außerordentlichen historischen, philosophischen, kulturellen sowie sozialen Umschichtungen und Veränderungen. Das ‚Prunerstift’ das 1730 vom damaligen Linzer Bürgermeister, dem Kaufmann Johann Adam Pruner für je 27 arme, ledige Männer und Frauen gestiftet worden war, wird zum ‚Tollhaus’ umgewidmet und als 1788 acht Geisteskranke ins Prunerstift verlegt werden, markiert dies den Beginn der institutionalisierten Pflege Geisteskranker in Oberösterreich. Zur selben Zeit löste auch der französische Arzt Pinel während der Französischen Revolution die Geisteskranken von ihren Ketten. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts stellte schließlich den Beginn der medizinischen Wissenschaft der Neuzeit dar.

In den Anfängen waren die Zustände im Prunerstift alles andere als ideal, neben den schlechten sanitären Verhältnissen vertraute man die Besorgung der "Irren" einem Wärter und einer Wärterin an und nur im Falle einer besonderen Veranlassung erschien der Arzt. Gegen körperliche Leiden wurde zwar Arznei verordnet, aber an eine psychische Behandlung konnte unter den vorhandenen Umständen nicht gedacht werden. Der widrige Geruch in den Gängen, die düstere und unheimliche Dämmerung, ausgelöst durch halbvermauerte Fenster und das Kettengerassel der, an ihren Bettgestellen angeschlossenen Tollen, prägten die Atmosphäre in der Anstalt und trugen eher zu einer Verschlechterung des Zustandes bei den Kranken bei. In einem offiziellen Schreiben von 1824 wurde erstmalig auf diese Missstände hingewiesen und die Forderung nach einer neuen Anstalt erhoben, was in den folgenden Jahren zumindest zu einer Verbesserung der sanitären Anlagen führte. Bald darauf wurden den Kranken die Fessel abgenommen und ein Arzt versorgte die Patientinnen (unentgeltlich).

1834 kam es zur Einführung einer Anstaltsordnung nach dem Muster der Irrenanstalt St. Catharina bei Prag, worin Dienstanweisungen für Ärzte, Beamte, Pflegepersonal sowie eine Speise- und Hausordnung vorgegeben waren. Ein Primararzt wurde bestellt und ab 1837 auch bezahlt. Schließlich kam die Idee auf, das Leben der PatientInnen aktiver gestalten zu wollen und so legte man unter Verwalter August Scola und Primarius Anton Knörlein im Garten der Anstalt die erste Maulbeerpflanzung in ÖO an. Die mit der Eingliederung der Kranken in den Bereich der Seidenkultur ausgelöste Zerstreuung wirkte sich sehr förderlich auf die Genesung der PatientInnen aus.

Bald schon war Platzmangel, trotz Zukauf und Anmietung von Nachbarhäusern, das vordringliche Problem der Anstalt. Um dem entgegenzuwirken, beschloss der OÖ Landtag die Errichtung einer "wahren Musteranstalt" mit dem Neubau einer 228 Bettenstation in Niedernhart. Hinsichtlich Lage, Bauweise und den sanitären Anlagen erfüllte die Anstalt alle wesentlichen Anforderungen der damaligen Zeit. Sie lag in einer gesunden, hellen Landschaft, es gab gutes Wasser, das auf die Stationen geleitet wurde, die Räumlichkeiten waren hoch und gut belüftbar und selbst die "Tobtrakte" konnten mittels heißer Luft, die vom Keller nach oben geleitet wurde, geheizt werden, ohne die Kranken der Gefahr auszusetzen, sich an den Öfen zu verletzen.

Eine weitere Schwierigkeit stellte das Pflegepersonal dar. Man versuchte zwar durch dienstrechtliche Besserstellung einen "Stock tüchtigen Pflegepersonals" zu schaffen, andererseits bezahlte man die PflegerInnen auf unterstem Niveau. Der Verdienst kam dem eines Hausknechts gleich, wohingegen Maurer, Gärtner und Portier vergleichsweise das 2-3-fache, der Primar das 20-fache verdienten. Darüber hinaus unterlag das Personal fast ebenso strengen Einschränkungen die Anstalt zu verlassen wie die PatientInnen, was bedeutete, dass die Pflegekräfte nur einen freien Nachmittag in 3 Wochen hatten.

1823 war der Patientenstand bereits auf 500 Personen angestiegen. Trotz des Erwerbs von Schloß Gschwendt bei Neuhofen/Krems im Jahre 1893 und der Verlegung von 100 Kranken, wurden 1896 weitere 2 Stationen für 100 Männer, 1903 ein weiterer Trakt für 150 Frauen und 1911 abermals eine Anstalt mit 150 Betten für Männer errichtet, um dem stetigen Platzmangel entgegenzuwirken. Der damalige ärztliche Leiter, Primarius Dr. Schopfhagen, plädierte außerdem für die Schaffung einer landwirtschaftlichen Kolonie, welche sowohl der Pflege als auch der Heilung der Kranken dienen sollte.

Der erste Weltkrieg forderte durch die allgemeine schlechte Versorgungslage und den Ausbruch von Krankheiten. wie Typhus und Paratyphus, hohe Opfer. Zwischen Januar 1917 und Dezember 1918 fiel der Patientenstand von 877 auf 596. Doch nach Beendigung des Krieges stieg die Patientenzahl rasch wieder an. Gleichzeitig wurde mit der von Julius Wagner Ritter von Jauregg, dem späteren Namensgeber der Landes-Nervenklinik, entwickelten Malariabehandlung bei progressiver Paralyse begonnen, für die er 1927 den Nobelpreis erhielt. Damit konnte er der bis dahin unheilbar geltenden Syphilis den Schrecken nehmen. 1929 führte man die "Simon’sche aktiv Arbeitstherapie" ein, was bedeutete, dass möglichst alle PatientInnen in einen Beschäftigungsbereich eingebunden werden sollten, was sich bis zu 90% realisieren ließ. Im Jahre 1930 zählte man bereits 1.138 Kranke. 1937 wurde die von Ladislaus Joseph von Meduna entwickelte Convulsionstherapie mit Cardiazol eingeführt, wodurch sich die Rate der als "geheilt" Entlassenen beträchtlich erhöhte.

Die durch die Zwischenkriegszeit eingeleitete dynamische Entwicklung der Anstalt sowie der Behandlungsmethoden wurde durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten und den Einmarsch Hitlers in Österreich jäh unterbrochen. In ihrem Bemühen um die "Reinheit der Rasse" hatten die Nationalsozialisten schon kurz nach der Machtübernahme in Deutschland 1933 das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" erlassen, das auch in Österreich von Gültigkeit war. Damit sollten angeborene Schwachsinnige, Schizophrene, Manisch-Depressive, Epileptiker, schwer körperlich Missgebildete, erheblich Blinde und Taube sowie schweren Alkoholiker durch Sterilisation von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden.

Von der Sterilisation waren in Österreich verhältnismäßig wenige Menschen betroffen, da schon bald die "Euthanasie" in den Vordergrund trat. Nach der Machtübernahme wurde der SS-Obersturmführer Dr. Rudolf Lonauer zum neuen Leiter der Anstalt bestellt. Der bisherige Direktor, HR. Dr. Josef Böhm, versah nur noch zeitweilig seinen Dienst und wurde nach Ende des Krieges neuerlich als Leiter eingesetzt. Im Zuge dieser Herrschaft verlor die Anstalt den Großteil ihrer Fläche, da man das Areal für den Neubau des Linzer Bahnhofes sowie der "Hermann Göring-Werke" benötigte. Schloß Hartheim bei Alkoven baute man zur Tötungsanlage für psychiatrische PatientInnen um, und bereits Ostern 1940 kam es unter der Leitung Lonauers zu ersten Tötungen. Als stellvertretender Direktor in Hartheim und Niedernhart fungierte Dr. Georg Renno. Innerhalb eines Jahres wurden in Schloß Hartheim und weiteren 5 Tötungsanlagen 70.273 Menschen aus Österreich und Deutschland ermordet. Danach verfügte Hitler, dass die "Euthanasie" eingestellt werde. Am 1.1.1945 waren in der Anstalt, die vor dem Krieg 1.000 Normbetten und eine Belegung bis zu 1.150 Patienten aufwies, nur mehr 363 Patienten verblieben.

Die Situation des psychiatrischen Krankenhauses nach Beendigung des zweiten Weltkrieges gestaltete sich als äußerst schwierig. Eine der ersten Aufgaben der neuen Verwaltung bestand darin, die fast durchwegs stark beschädigten Fenster und Dächer des umfangreichen Gebäudekomplexes und deren Nebengebäude zu reparieren. Gleichzeitig führte man die Beschäftigungstherapie in der Landwirtschaft und in den Kellerbereichen des alten Gebäudekomplexes wieder ein. 1951 verließen die Besatzungstruppen die Landesfrauenklinik und nach den Renovierungsarbeiten konnten auch diese Räumlichkeiten wieder für psychiatrische Zwecke genutzt werden. Die folgenden Jahre waren geprägt von der rasanten Entwicklung neuer Behandlungsstrategien in der Psychiatrie, wie auch des technischen Fortschritts in Diagnostik und Chirurgie.

1969 erfolgten die Eingliederung der neurochirurgischen Abteilung von Bad Ischl in den Berich der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart und die Inbetriebnahme der neurologischen Abteilung. Im darauffolgenden Jahr wurde ein Teil der Akutpsychiatrie in den Neubautrakt übersiedelt und am 6.2.1970 feierte man die Umbenennung der Oberösterreichischen Landes-Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart in Wagner-Jauregg Krankenhaus des Landes Öberösterreich.

Eine Nachtklinik mit 6 Betten, die Eröffnung der hausinternen Psychotherapieambulanz sowie ein jugendpsychiatrischer Bereich folgen im Jahre 1978. 1981 kam es dann zur Belegung von 20 Betten in der nuklearmedizinischen Abteilung.

Im Zuge der allgemeinen Psychiatriereform erfolgte die Aufstockung des Personals, die Reduktion der Patientenzahl, die Liberalisierung der Unterbringungsmodalitäten, die Öffnung der Anstalt und Humanisierung und die Verbesserung des qualitativ-therapeutischen Angebots auf allen Therapieebenen. Besonders in den Bereichen Neurologie und Neurochirurgie wurden 1990 große Fortschritte gemacht. Allgemein war die Psychiatrie von der Dezentralisierung und dem Trend zur "offenen Psychiatrie" geprägt.

Als 1991 das neue Unterbringungsgesetz für psychisch Kranke in Kraft trat, bedeutete dies auch ein neues Zeitalter, denn erstmals stand die menschliche Würde des psychisch Kranken im Mittelpunkt. § 38 des Krankenanstaltengesetzes besagt, dass Abteilungen und Sonderanstalten für Psychiatrie offen zu führen sind. In einer Anstalt untergebracht werden darf nur, wer in Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung sich oder andere erheblich gefährdet. Die Unterbringung darf lediglich als letztes Mittel in Betracht gezogen werden, wenn Alternativen fehlen.

1994 wurde das Wagner-Jauregg Krankenhaus des Landes Oberösterreich zum zweiten Mal umbenannt, in O.Ö. Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg. Am 25.11.1996 erfolgte der Spatenstich für den Neubau der Landes-Nervenklinik, wobei mit dem Ausbildungszentrum begonnen wurde. Die Fertigstellung des Neubaus mit zusätzl. 352 Betten erfolgte im Juni 2003.

Die Dezentralisierung begann 1996. Den Anfang machte die Landesfrauenklinik Wels am 1.4.1997, mit einer Ambulanz und 44 Betten auf 2 Stationen, für den Endausbau sind/waren sogar 66 Betten geplant. Es folgten die Inbetriebnahme der psychiatrischen Station am Gmundnerberg mit 30 Betten und einer Ambulanz sowie die Einrichtung einer Tagesklinik im Allgemeinen Krankenhaus in Vöcklabruck.