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Quelle: "Oberösterreichische Nachrichten" vom 14.01.2006           Seite: W6
Ressort: Magazin

Von Berufs wegen im Kriminal

Sie ist nicht nur im Sternzeichen Löwe, sie kämpft auch wie eine Löwin für die psychiatrische Betreuung von Sträflingen und Haftentlassenen. Früher wollte kein Arzt mit forensischen Patienten arbeiten. Seit Primaria Adelheid Kastner im November die Abteilung an der Landesnervenklinik übernommen hat, ist das anders. Die Psychiaterin weiß ihr Team optimal zu motivieren und lässt neuen Wind durch die Psychiatrie mit Forensikschwerpunkt in Oberösterreich und Salzburg wehen.

Von Christine Radmayr

Angst um mein Leben hatte ich noch nie in der Arbeit mit Sträflingen. Ich verlasse mich auf mein Bauchgefühl. Zwei Mal habe ich einen Klienten hinausgeworfen, weil ich Angst hatte, dessen psychischer Zustand könnte kippen", sagt die 43-jährige Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Kein Mauerblümchen, aber auch keine Emanze sitzt mir gegenüber. Vielmehr eine Frau mit scharfem Verstand, Disziplin, Charme und Humor, die weiß, was sie will und kann. "Ich agiere direkt, strukturiert und lasse nicht mit mir handeln."

Kastner hat ihre Berufung zum Beruf gemacht. "Nur in einem Land mit Todesstrafe könnte ich nicht arbeiten. So sehr ich ein Delikt verabscheuen kann, so glaube ich, dass kaum ein Mensch von Grund auf böse ist", betont die Fachärztin, der es schwer fällt, sich von Straftaten, bei denen jemand sadistisch gequält wird, emotional zu distanzieren. Sie sieht ihre Arbeit als Dienst an der Sicherheit aller Menschen und hofft, dass durch optimale (Nach)Betreuung rund 50 Prozent der Rückfälle von Tätern, z. B. mit Persönlichkeitsstörung oder/und Substanzabhängigkeit, verhindert werden können.

Was bringt eine Frau dazu, sich im Beruf sozusagen mit einem Fuß ins Kriminal zu stellen?

Kastner: "Seit dem Kindergarten wollte ich Ärztin werden und in der Mittelschule hab' ich die sogenannten 'true crime'-Romane auf Englisch verschlungen." Heidi Kastner wurde Psychiaterin und Konsiliarärztin in der Justizanstalt Garsten. Sie hat eine Ausbildung in Verhaltenstherapie und sich in Kongressen etc. in der Forensik vertieft.

Ich setze Prioritäten

In kurzer Zeit hat es die Primaria geschafft, ein Netzwerk forensischer Betreuung, sowohl stationär als auch ambulant, in Oberösterreich und Salzburg aufzubauen. Kastner steht um 5 Uhr früh auf und kommt im Schnitt um rund 22 Uhr von der Arbeit nach Hause und sitzt bis Mitternacht über Justizgutachten.

"Alles, was ich mache, tue ich sehr gerne. Ich setze eben Prioritäten. Bei mir vergeht z. B. kein Tag ohne Bachs Musik. Sie entspannt mich. Ich besuche Konzerte, Theater und pflege meine Freundschaften. Den Fernseher hab' ich aber am 24. Dezember 2004 das letzte Mal aufgedreht. Die Realität ist spannender als jeder Film, jedes Kino."

Adelheid Kastner
Geboren am 17. August 1962 in Linz

Beruf: Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie.

Werdegang: Ausbildung an der Landesnervenklinik, Stellvertretende ärztliche Leiterin der Psychiatrischen Klinik Wels. Aufbau und Leiterin der Forensischen Sonderkrankenanstalt in der Justizanstalt Wels. Primaria der Psychiatrie mit forensischem Schwerpunkt an der Landesnervenklinik. Leiterin des forensischen Ambulanzverbundes Linz-Amstetten-Salzburg.

Familienstand: verheiratet

Größter Wunsch: Aufbau einer forensischen Jugendpsychiatrie